
Presseerklärung
Zum geplanten Abriss des Enßle-Gebäudes
Identität bewahren
Das Bild „Im Kasten“ in der aktuellen Ausgabe der VKZ zeigt eindrücklich, was derzeit sichtbar wird: Kurz vor seinem Abriss steht das Vaihinger Enßle-Gebäude im freigelegten Backsteingewand da – rau, ehrlich, funktional. Mit der Entfernung der Fassadenplatten ist das ursprüngliche Mauerwerk wieder sichtbar geworden. Kein repräsentativer Bau. Kein Denkmal. Und ja: Es gibt einen gültigen Gemeinderatsbeschluss zum Abriss.
Und dennoch verschwindet mit dem Enßle-Gebäude der letzte bauliche Zeitzeuge der Vaihinger Leder- und Leimindustrie. Ein Stück wirtschaftlicher Identität unserer Stadt. Geschichte ist nicht nur archivierte Erinnerung. Sie ist gebaute Wirklichkeit. Wenn Gebäude verschwinden, verschwindet mehr als nur Substanz. Es verschwindet Kontext.
In den vergangenen Jahren sind mehrere prägende Gebäude aus dem Stadtbild verschwunden. Jedes einzelne für sich mag begründbar gewesen sein. In der Summe aber verändert sich das Gesicht unserer Stadt. Stadtentwicklung ist mehr als Neuordnung von Flächen. Sie ist eine Frage von Identität und Maß.
Finanzielle Vernunft
Gleichzeitig steht Vaihingen vor erheblichen finanziellen Herausforderungen. Der Haushalt entwickelt sich in Richtung rund 70 Millionen Euro Verschuldung. Die Gartenschau 2029 wird voraussichtlich nahezu 60 Millionen Euro kosten. Auch der Abriss des Enßle-Gebäudes und die geplante Neugestaltung des Eingangsbereichs schlagen mit einem siebenstelligen Betrag zu Buche.
Gerade unter diesen Rahmenbedingungen stellt sich die Frage nach wirtschaftlicher Vernunft.
Bestand nutzen und Kultur fördern
Das Enßle-Gebäude könnte – bei entsprechender Planung – selbst als Eingangsbereich der Gartenschau genutzt werden. Die infrastrukturellen Voraussetzungen sind vorhanden: Erschließung, Anbindung, tragfähige Gebäudestruktur, nutzbare Flächen. Sanitär, Technik, Raumaufteilung – vieles ist bereits da oder mit überschaubarem Aufwand ertüchtigbar.
Statt funktionierende Substanz abzubrechen und kostenintensiv neu zu errichten, könnte Bestehendes integriert werden. Andernfalls droht das bekannte Muster: Abriss gewachsener Struktur, Neubau eines architektonisch austauschbaren Pavillons – gesichtslos, funktional auf Zeit angelegt und zwangsläufig temporär. Ein Bauwerk für wenige Monate, das danach seine Aufgabe verloren hat. Nachhaltigkeit sieht anders aus.
Hinzu kommt: Es gab konkretes Investoreninteresse am Erhalt und an einer Umnutzung des Gebäudes. Privates Kapital hätte Verantwortung übernommen und Entwicklung ermöglicht. Eine solche Option zumindest vertieft zu prüfen, wäre angesichts der Haushaltslage geboten gewesen. Gespräche jedoch mit Verweis auf bestehende Beschlüsse frühzeitig zu beenden, sendet ein fragwürdiges Signal.
Konsequenz ist eine politische Tugend.
Starrsinn ist es nicht.
Kurskorrektur ist keine Schwäche
Wenn sich Rahmenbedingungen gravierend verändern – und unsere Haushaltslage hat sich dramatisch verschärft – dann ist es keine Schwäche, frühere Entscheidungen zu überprüfen. Wer trotz neuer Fakten unbeirrt an alten Beschlüssen festhält, riskiert, Prinzipientreue mit Realitätsverweigerung zu verwechseln. Verantwortung zeigt sich nicht im Vollzug eines Beschlusses um seiner selbst willen, sondern in der Bereitschaft, Schaden vom Gemeinwesen abzuwenden.
Unabhängig davon eröffnet das Enßle-Gebäude auch eine gesellschaftliche Perspektive. Es könnte dem Verein der kulturellen Vielfalt „Alle unter einem Dach“ eine Heimat bieten. Ein gemeinsamer Ort für unterschiedliche kulturelle Initiativen würde Begegnung stärken und Strukturen bündeln.
Besonders relevant ist dabei die Situation des griechischen Vereins, der im Zuge der städtebaulichen Maßnahmen rund um die Gartenschau seine bisherige Bleibe verliert. Stadtentwicklung darf gewachsene Strukturen nicht einfach verdrängen. Wer Räume auflöst, trägt Verantwortung für neue Räume.
Das Enßle bietet vielfältige Nutzungsmöglichkeiten: Vereinsräume, kulturelle Veranstaltungen, Bildungsangebote, Integrationsarbeit. Industriegeschichte und gesellschaftliche Zukunft schließen sich nicht aus. Im Gegenteil – sie können sich gegenseitig stärken.
Es geht nicht um Stillstand.
Es geht um Maß und Priorität.
Und um die Frage, ob wir vorhandene Substanz klug nutzen – oder vorschnell beseitigen.
Vaihingen braucht Fortschritt.
Aber Fortschritt entsteht nicht durch Austauschbarkeit.
Er entsteht durch Verantwortung, wirtschaftliche Vernunft und den Mut, Entscheidungen neu zu denken.
Für die Wählervereinigung BbV
Michael Braun
Fraktionsvorsitzender im Gemeinderat Vaihingen an der Enz